In letzter Zeit ist ein Thema sehr präsent in allen Medien und es sind (natürlich) wieder einmal die bösen Eltern, deren Fehlverhalten angeprangert wird. Konkret geht es jetzt um Eltern, die in Anwesenheit ihrer Kinder ihr Smartphone nutzen.

Denn diese Erziehungsberechtigten  sind nicht nur komplett in die digitale Welt vertieft und vergessen ihre armen Kinder dabei völlig. Diese Eltern tragen auch Schuld daran, dass ihre Kinder massiv unter Stress stehen, in der Sprachentwicklung verzögert sind und durch auffällige Verhaltensweisen permanent um die Aufmerksamkeit ihrer Mütter und Väter buhlen müssen.

Das ist jetzt aber nichts wirklich Neues. Grundsätzlich sind Eltern an so ziemlich allem Schuld und haben es bezüglich ihrer Kinder “einfach nicht drauf”. Dieses Bild, das hauptsächlich von den Medien gezeichnet wird, ärgert mich im Allgemeinen – und die ganze Smartphone-Debatte im Speziellen.

Ich bin so eine Smartphone-Mama

Unter Artikeln, die das Thema  “Eltern und Smartphone” aufgegriffen haben, findet man üblicherweise eine ganze Reihe von Leserkommentaren, die auf die  sogenannten “Smartphone-Eltern” abzielen. Da hat doch tatsächlich “eine Mama mit dem Smartphone in der Hand auf dem Spielplatz gesessen” oder eine andere hat etwas in ihr Handy getippt, während sie den Kinderwagen geschoben hat”. Ganz schlimm sind ja auch die Eltern, die mit Smartphone in der Hand im Wartezimmer des Arztes sitzen, während ihre Kinder unterdessen in der Kinderecke spielen.

Aber soll ich jetzt einmal etwas verraten? Auch ich sitze manchmal auf dem Spielplatz und surfe mit meinem Smartphone, während meine Kinder nebenan im Sandkasten buddeln. Man sieht mich auch gemeinsam mit den Kindern durch den Ort laufen und ich habe -oh Schreck- vielleicht gerade mein Smartphone in der Hand. Und jetzt bitte festhalten, denn nun kommt der Oberknaller des schlechten Elternbenehmens: Wir haben auch schon in der Kinderabteilung der Bibliothek gesessen, meine Kinder haben sich Bilderbücher angesehen und ich war unentwegt mit meinem Smartphone beschäftigt. Wärend alle um uns herum gemeinsam mit ihren Kindern gelesen haben. What?!?

Was ich mit diesem Artikel NICHT möchte: ein durchaus ernstzunehmendes Phänomen herabspielen.

Was ich mit diesem Artikel nicht bezwecken möchte ist ein Herabspielen der Tatsache, dass ein übermäßiger(!) Medienkonsum der Eltern sicherlich nicht gut für die anwesenden Kinder ist. Der kindlichen Entwicklung und auch ihrer Selbstwahrnehmung erweist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Bärendienst, wenn die Bezugspersonen zu sehr abgelenkt sind oder permanent nervös auf ihr Smartphone schielen. Dies steht außer Frage!

Auch sollten wir Eltern uns darüber im Klaren sein, dass unser Medienkonsum und unser Umgang mit den digitalen Medien direkten Vorbildcharakter für unsere Kinder hat. Die Art und Weise, wie wir Smartphone, Tablet und Co. nutzen  und welchen Stellenwert diese Dinge in unserem Alltag besitzen, hat einen direkten und prägenden Einfluss auf unsere Kinder. Das sollten wir uns permanent vor Augen führen.

Worum es mir also nicht geht ist das Gutheißen einer übermäßigen oder permanenten Ablenkung in Gegenwart unserer Kinder. Ob es sich hierbei um das Smartphone, den Fernseher, die Spielekonsole, ein Buch oder etwas anderes handelt, sei jetzt mal dahingestellt. Wir sollten unsere Kinder und ihre Bedürfnisse bewusst wahrnehmen.  Ihnen unsere Aufmerksamkeit und Zeit schenken. Denn das haben sie  in jedem Fall verdient.

“Steinigt die Mama mit dem Smartphone in der Hand!”

Wie ich oben bereits geschrieben habe, bin auch ich öfter in mein Smartphone vertieft – und zwar in Gegenwart meiner Kinder. Und wenn man mich dann sieht, wie ich auf dem Spielplatz oder in der Bibliothek auf mein Smartphone starre, ist natürlich direkt klar: “Die kann nicht mal in Gegenwart ihrer Kinder ihr Handy beiseite legen.”

An dieser Stelle muss ich eines einwerfen: Würde ich in Gegenwart meiner Kinder nie mein Smartphone zur Hand nehmen, könnte ich es eigentlich überhaupt nicht nutzen. Also gar nicht. Never ever. Da unsere Kinder keinen Kindergarten besuchen und ich als Selbstbetreuer-Mama ihren Alltag organisiere, sind die Kinder eigentlich immer bei mir. Und da wir nicht nur gemeinsam im Familienbett schlafen, sondern häufig auch noch zur gleichen Zeit zu Bett gehen, könnte ich mein Smartphone nicht einmal am Abend, zur berühmten “wenn die Kinder im Bett sind”-Zeit, nutzen.

Die Alternative für mich wäre: Ich hätte keinen Austausch mehr mit Freunden und Bekannten. Ich würde auch nicht mehr erfahren, was tagsüber so in der Welt passiert, denn bei uns läuft so gut wie nie der Fernseher und im Autoradio dudeln vorwiegend Kinderlieder. Ich könnte keine interessanten Artikel mehr lesen und mich beispielsweise nicht mehr im Bereich “bedürfnisorientierter Umgang mit Kindern” weiterbilden. Was letztendlich meinen Kindern wieder zugutekommt. Ich könnte nicht mehr bloggen. Ich hätte tagsüber kaum Kontakt zu anderen erwachsenen Menschen. Klingt irgendwie ziemlich öde, finde ich.

Was ich mit diesem Artikel bezwecken möchte: etwas Toleranz einzufordern.

Was wir von anderen Menschen sehen, ist immer nur eine Momentaufnahme. Oft reicht jedoch eine solche Momentaufnahme aus und wir machen uns ein Bild von der betreffenden Person. Gerade, wenn ein Thema in den Medien geschürt wird.

Daher möchte ich folgende Punkte als “Denkanstoß” hinzufügen.

Wenn man mich mit dem Smartphone in der Hand neben meinen Kindern sitzen sieht …

… ist das eine Momentaufnahme. Vielleicht sind wir schon seit zwei Stunden auf dem Spielplatz und ich habe gerade vor einer Minute mein Smartphone ausgepackt, um dem Papa der Kinder in einer Nachricht mitzuteilen, was die Kinder gerade wieder Phänomenales gemacht haben. Als Eltern kennt ihr das? “Schatz, stell dir vor: Sie sind gerade ganz alleine gerutscht!!!” Oder so 😉

… haben wir schon viele Stunden des Tages gemeinsam verbracht. Meine Kinder besuchen keinen Kindergarten. Weil es für uns so passt und wir unser Leben gerne so leben. Was allerdings auch bedeutet, dass wir gegen Nachmittag schon gemeinsam gefrühstückt, aufgeräumt, eingekauft und gemeinsam zu Mittag gegessen haben. Wahrscheinlich habe ich auch schon dreimal hintereinander “Conni auf dem Reiterhof” oder “Conni besucht Julia” oder “Conni bekommt eine Katze” vorgelesen. Alternativ haben wir, anstatt zu lesen, vielleicht auch einfach nur eine halbe Stunde lang zu den “Bi-Ba-Badewannenhits” im Wohnzimmer getanzt. Eine kleine Pause von der täglichen gemeinsamen Zeit (von der wir wirklich sehr viel haben) tut mir da durchaus mal gut. Und den Kindern wahrscheinlich auch.

… hoffe ich, meinen Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Was, jetzt will die mit Smartphone in der Hand auch noch ein Vorbild sein??? Ja,  das will ich! Denn die digitale Welt gehört heute einfach dazu. Anders, als dies in unserer und den vergangenen Generationen der Fall war, wachsen Kinder heute mit dieser digitalen Welt auf und in sie hinein. Einen guten Umgang mit diesen Medien zu pflegen, sie verantwortungsbewusst zu nutzen und für sich selbst sinnvoll zu verwenden – das ist es, was ich meinen Kindern vermitteln möchte. Vorbildcharakter ist auch in diesem Fall das Zauberwort.

… ist das vielleicht auch für meine Kinder eine erholsame Pause. Wir verbringen unseren Alltag immer gemeinsam. Dies bedeutet, dass ich immer präsent bin. Auch, wenn ich beispielsweise mit der Hausarbeit beschäftigt bin und die Kinder im Zimmer nebenan spielen. Ein “Mama, sieh mal hier” oder “Schau mal, was ich gemalt habe” ertönt in regelmäßigen Abständen. Zu (mindestens) 90% unserer gemeinsamen Zeit bin ich nicht nur physisch anwesend, sondern auch permanent für alle möglichen Belange verfügbar. Da wird es den Kindern sicherlich nicht ernsthaft schaden, wenn ich in mein Smartphone vertieft bin und sie nicht permanent anhimmele. Vielleicht ist sogar eher das Gegenteil der Fall?

… ist dies unter Umständen mein einziger Kontakt zur ‘Außenwelt’. Ihr seid berufstätig und habt liebe Kollegen, mit denen ihr euch gut versteht? Ihr habt zahlreiche Freunde, die gleich bei euch ‘ums Eck’ wohnen? Ihr lebt inmitten eurer riesigen Verwandtschaft? Glückwunsch – das freut mich ehrlich für euch! Ich möchte jetzt auch gar nicht jammern, aber: Meine Bekannten und Freunde wohnen alle weiter entfernt. Trotzdem sind sie mir wichtig und ich möchte Kontakt mit ihnen halten. Dies geht üblicherweise am einfachsten per Textnachricht. Ebenso verhält es sich mit einem Großteil meiner Verwandten. Und auch, wenn ich das Dasein als Hausfrau frei gewält habe und wirklich sehr glücklich damit bin – es kann manchmal auch einsam sein und ich bin dankbar, dass mir mein Smartphone den Kontakt zu Familie, Freunden und Medien ermöglicht!

Und um noch etwas Klarheit zu schaffen …

Als ich (wirklich lange) mit dem Smartphone in der Hand neben meinen Kindern in der Bibliothek gesessen habe, zwischen den anderen Mamas, die ihren Kindern vorbildlich vorgelesen haben, musste ich auf die Schnelle eine Publikation für meinen früheren Chef Korrektur lesen. Die Deadline endete an diesem Tag und nur ich konnte ihm mit einigen der Daten helfen.

Jeder, der kleine Kinder hat weiß, dass man zu Hause gemeinsam mit ihnen nicht wirklich in Ruhe arbeiten kann, oder? Also habe ich an jenem Tag meine Kinder geschnappt und bin mit ihnen zur Bibliothek gefahren. Weil ich weiß, dass sie sich dort eine ganze Weile in Ruhe beschäftigen können. Und ich konzentriert arbeiten konnte. Zwar nur am Smartphone und für eine gewisse Zeit, aber immerhin.

Denn wenn Kinder ausreichend Liebe, Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommen, verkraften sie es auch locker, wenn Mama ab und an mit dem Smartphone beschäftigt ist.


Wie seht ihr das Thema? Sind Smartphone, Tablet und Co. in der Gegenwart von Kindern ein No-Go? Oder kommt es auch hier auf Art, Umfang und generell die jeweilige Situation an? Hinterlasst mir doch gerne eure Sichtweise zum Thema in den Kommentaren! Ich bin wirklich gespannt, wie ihr zu diesem Thema steht!