„Allen gerecht werden“ – geht das überhaupt?

Ist man mit seinem zweiten Kind schwanger, stellt man sich früher oder später die Frage, ob man es schaffen wird, beiden Kindern gerecht zu werden. Denn in der Zeit, bevor Baby Nummer 2 ankam, hatte Kind Nummer 1 ja doch eine gewisse „Vorzugsstellung“ inne: Es hatte die Eltern für sich alleine, genoss ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und bekam das volle Programm an passender, alters- und typgerechter Bespaßung.

Erschwerend kommt dann meist noch hinzu, dass man aus dem Umfeld vorgewarnt wird vor aufkommender Eifersucht, Geschwisterstreitereien und der Schwierigkeit, den Bedürfnissen der Kinder entsprechend nachzukommen.

Ziemlich unbedarft und ahnungslos sind wir also vor gut zwei Jahren in das Abenteuer „Juhu, bald haben wir zwei Kinder!“ gestartet. Und ich hatte mir, etwas bang, die Frage gestellt, wie ich mehr als einem Kind denn bitteschön gerecht werden könne. Geht das überhaupt? Diese Frage hat auch Sarah vom Blog Mamaskind gestellt und zur Blogparade „Wie kann ich allen Kindern gerecht werden?“ aufgerufen.

Besser als erwartet

Die erste Zeit mit zwei Kindern lief ziemlich traumhaft. Da bereits unsere Tochter ein ziemlich anspruchsvolles Baby gewesen ist (sie hat viel geschrieen und wollte nie abgelegt, dafür aber umso häufiger gestillt werden), hatte ich mir bei meinem Sohn keine großen „Hoffnungen“ gemacht, dass er anders werden würde. Nun, ich sollte recht behalten 😉 Er war ein genauso anspruchsvolles Baby wie seine große Schwester zwei Jahre zuvor.

Natürlich hatte ich mich im Vorfeld gefragt, wie ich meinem älteren Kind weiter gerecht werden könnte, wenn das Baby erst einmal da war. Es hat jedoch ganz gut funktioniert. Wurde der Sohnemann gestillt, haben Tochterkind und ich gelesen. Waren wir unterwegs, war er im Tragetuch mit dabei.

Doch der Clou an unserer Situation war: Unsere Tochter hatte sich unglaublich auf ihren kleinen Bruder gefreut. Und da sie bei seiner Geburt mehr oder weniger dabei gewesen ist (sie hat seine Ankunft im Geburtshaus im Nebenzimmer abgewartet und durfte ihn unmittelbar nach der Geburt begrüßen), hat sie ihn wirklich von Anfang an in Beschlag genommen und bis heute nicht wieder „hergegeben“ 🙂

Sie hat sich direkt sehr liebevoll um „ihren kleinen Mann“ gekümmert, ist ihm auch zu Hause im Alltag nicht mehr von der Seite gewichen und hatte großen Spaß daran, das Baby zu halten oder mit ihm zu spielen. Was für mich ein unglaublicher Vorteil im Vergleich zum ersten Kind gewesen ist! Obwohl er vom gleichen Schlag war wie seine Schwester, hatte ich nun im Alltag eine enge Bezugsperson für das Baby, die ihn auch mal halten, ablenken und bespaßen konnte: Meine zweijährige(!) Tochter. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass unser Mädel ihre verlorene „Sonderstellung“ sonderlich vermisste. Augenscheinlich tröstete sie ihre neue Rolle als fürsorgliche große Schwester mehr als ausreichend darüber hinweg.

Unser „Doppelpack“ macht es mir leicht. Bis heute.

Als unser Sohn etwas älter wurde, konnte er -sehr zur Begeisterung unserer Tochter- immer mehr und immer besser mit ihr spielen. Heute, mit ihren knapp zwei und vier Jahren, stecken die beiden mehr oder weniger den ganzen Tag zusammen. Und da unsere Kinder keinen Kindergarten besuchen, bedeutet dies auch wirklich: den ganzen Tag.

Sicherlich spielt der geringe Altersabstand hierbei ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass sich meine Kinder in ihrem Wesen und ihren Interessen sehr ähneln. Dies macht es mir natürlich leicht, stets passende Beschäftigungen für die beiden zu planen und mich auch im Alltag nicht „zerteilen“ zu müssen. Beide mögen das gleiche Essen, haben beim Spielen die selben Interessen, teilen sich ihre Hobbys und mögen die gleichen Freizeitbeschäftigungen. Bingo!

Das Bedürfnis nach „exklusiver Mamazeit“ besteht bei beiden also (noch?) nicht, da sie lieber alles im Doppelpack unternehmen. Natürlich hat unsere Tochter einiges an Exklusivzeit, Aufmerksamkeit und individuell zugeschneiderter Beschäftigung eingebüßt, seit der kleine Bruder da ist. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die gemeinsame Zeit, welche die Geschwister miteinander verbringen, dies mehr als ausgleicht. Nun ist noch eine zusätzliche Person da, mit der man spielen, toben und Krach machen 😉 kann. Und offensichtlich um so einiges besser, als man die mit Mama oder Papa allein tun könnte …

Und was ist mir der Paarzeit?

Um es kurz zu machen: Die „exklusive Paarzeit“ gibt es bei uns aktuell praktisch nicht. Unsere Kinder sind den ganzen Tag bei mir zu Hause. Hinzu kommt, das beide ein extrem niedriges Schlafbedürfnis haben. Sowohl mein Mann und ich benötigen wenig Schlaf; unsere Kinder können dies jedoch noch toppen. Oft gehen sie abends einfach mit uns zu Bett und stehen am Morgen nur kurz nach uns auf. Und Mittagsschlaf wird sowieso überbewertet 😉

Zu Anfang war dies zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig, jedoch haben wir mittlerweile einfach unsere Sichtweise angepasst: Wir sind kein Paar mehr, sondern eine Familie. Diese Zeit mit den Kindern ist sehr intensiv – und auch anstrengend. Keine Frage. Allerdings ist uns auch bewusst, dass diese betreuungs- und zeitintensive Phase letztendlich nur einen extrem kurzen Abschnitt unseres gesamten Lebens ausmacht. Die „Exklusivzeit nur für uns“ hatten wir 13 wundervolle, gemeinsame Jahre lang. Und sie wird auch wiederkommen. Und das wahrscheinlich eher früher als später.

Wobei ich auch hier fairerweise anmerken muss, dass uns das zweite Kind etwas mehr dieser „Paarzeit“ ermöglicht hat: Die (absolut notwendige) Zeit für gemeinsame Gespräche, Unterhaltungen und Streitereien 😉 haben wir, wenn unsere Kinder miteinander spielen. Es herrscht dann zwar eine gewisse „Hintergrundbeschallung“, die nehmen wir jedoch dann gerne in Kauf.

Fazit

Ich habe also gar nicht das Gefühl, allen irgendwie „gerecht werden“ zu müssen. Sicherlich liegt das auch daran, dass meine Kinder gut miteinander harmonisieren und die Konstellation bei uns ziemlich optimal ist. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen 🙂 Aktuell funktioniert es jedoch ganz gut! Und um ehrlich zu sein: Darüber bin ich auch verdammt froh!

 

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Über aktivmitkindern (174 Artikel)
Mama zweier Kinder (*2013, *2015). Ursprünglich promovierte Naturwissenschaftlerin. Seit der Geburt des ersten Kindes nicht mehr in der Wissenschaft tätig, sondern Vollzeit-Kinderbespaßerin und Selbstbetreuerin.

14 Kommentare zu „Allen gerecht werden“ – geht das überhaupt?

  1. Die Paarzeit ist sehr wichtig, so wie Dir ging es mir auch.Daran wäre fast meine Ehe kaputt gegangen.

  2. Wow! Vielen Dank für deine Einblicke. 🙂 Ich glaube, das ist bisher der positivste Blogpost zum Thema. Es macht sehr viel aus, wie die Kinder miteinander harmonieren. Das vermisse ich bei unseren Streithähnen manchmal. 😀
    Liebe Grüße,
    Sarah

  3. Ich glaube alles hat so seine Vor-und Nachteile. Ich fand es immer schöne Geschwister zu haben, dann war ich nie alleine (auch wenn wir uns oft gezankt haben) 😀
    Und die gemeinsame Zeit mit Kindern ist so so wichtig!!

    Liebe Grüße
    Nadine

  4. Ich finde es schön, was für ein tolles Team deine Kinder sind und dass die Kleine sich so gut mit ihrem Brüderchen versteht 🙂 Und ich muss Sigrid zustimmen, genieße die Zeit, die geht so schnell vorbei! Schneller als man gucken kann, sind sie plötzlich 14 🙂

    Liebe Grüße
    Jana

  5. Vielen Dank für diesen sehr guten Post. Wir haben persönlich noch keine Kinder, haben im Familien- und Bekanntenkreis aber viele mit mehr als einem Kind. Leider ist es bei den meisten nicht so wie bei Euch, sodass man wirklich das Gefühl hat, dass die Eltern nicht allen Kindern gerecht werden. Und das wurde leider auch schon von den Eltern ausgesprochen.
    Ich finde es toll, dass Eure Kinder ähnliche Interessen haben und den ganzen Tag zusammen sind.
    Liebe Grüße
    Jenny

    Jennybee87.blogspot.de

    • Hallo,
      lieben Dank für deinen Kommentar! Ja, wir sehen es halt auch so, dass sie die Zeit, die sie JETZT miteinander haben, ausgiebig genießen sollen. Denn so ungestört kommt die nie wieder …

  6. Ein sehr schöner Post … ich freue mich sehr für dich und das die zwei kleinen Mäuse gerne miteinander spielen und ein gutes Verhältnis haben ist sicher von Vorteil! 🙂
    Ganz Liebe Grüße!

  7. Ein sehr schöner Post, mir gefällt deine Sichtweise. Ich freue mich für dich, dass du soviel Zeit mit deinen Kindern verbringen kannst, genieße es es geht so schnell vorbei und sie sind erwachsen. Sie werden es dir später ganz bestimmt danken, ich spreche aus Erfahrung.
    Liebe Grüße
    Sigrid

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  1. Auswertung:. So wird man Kindern gerecht - oder auch nicht - Mamaskind

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