Es grüßt die „Kitafrei-Elite“

Irgendwo kann ich es ja schon verstehen. Es ist Sommer, wir befinden uns mitten in der Ferienzeit und das Sommerloch lässt grüßen. Es passiert nicht viel und es gibt auch nur wenige Themen, die genügend Potenzial für einen guten Zeitungsartikel liefern. Das ist einerseits natürlich schade. Andererseits ist es somit jedoch auch einmal an der Zeit, dass sich der Lokaljournalismus vielleicht anderen Themen als sonst zuwenden kann. Man kann sich beispielsweise eine kleine überschaubare Randgruppe herauspicken und diese etwas genauer beleuchten. Und dann über diese, vermeintlich homogene, Außenseitergruppe berichten.

Bezug nehme ich in diesem Beitrag übrigens auf einen Artikel zur „Anti-Kita-Bewegung“, der vor einigen Tagen in der Berliner Zeitung erschienen ist. Den Link zum Artikel hatte mir eine Bekannte die Tage geschickt und dabei augenzwinkernd festgestellt, dass sie gar nicht wusste, dass wir offensichtlich Teil einer „Anti-Bewegung“ oder „Elite“ seien. Ich antwortete ihr, übrigens ebenso augenzwinkernd, dass mir das bislang selbst nicht bewusst gewesen sei. Aber Teil einer Anti-Bewegung zu sein klingt irgendwie schon ziemlich cool, oder? 😉

Öffnen wir doch zunächst einmal die Vorurteilskiste…

Was ich mit diesem Blog ja primär bezwecke ist das Aufzeigen der Tatsache, dass „Kindergartenfrei“ viele Gesichter hat. Eltern, die ihre Kinder nicht zum Kindergarten schicken, müssen nicht zwangsläufig asozial angehauchte Low Performer sein. Die den Nachwuchs den ganzen Tag vor der Flimmerkiste parken und höchstens mit ihren Kindern reden, wenn sie wollen, dass „die Schwester jetze uffhört dem Bruder mit de Spielzeug auf sein Kopp zu kloppen“. 

Übrigens muss es sich bei Selbstbetreuern auch nicht zwangsläufig um pendelschwingende Fundamentalisten handeln, die sich kategorisch von der Außenwelt abgrenzen. Und ihre Kinder nicht zur Kita schicken, weil sie den Nachwuchs lieber unter dem Aluhut abzuschotten versuchen.

Vielleicht sind diese beiden Randgruppen auch unter den Kindergartenfreien vertreten, das mag sein. Who knows. Aber die breite Masse dazwischen ist definitiv nicht so leicht in Schubladen zu stecken oder einer bestimmten Kategorie zuzuordnen. Obwohl Kitafrei gemäß der Autorin „als Sammelbecken für Alternative, Esoteriker, Impfgegner, konservative Christen“ fungiere, kann ich das so irgendwie nicht bestätigen. Seltsam.

Es tut mir jetzt ja ernsthaft leid für alle, deren Weltbild ich an dieser Stelle zerstöre. Aber: Auch Selbstbetreuer sind unter Umständen einfach nur die ganz normalen, langweiligen Leute von nebenan, die sich einfach für dieses Lebensmodell entschieden haben. Sorry, aber ist so.

Weshalb Selbstbetreuer die „besseren Eltern“ sind. Nicht wirklich, oder?

An besagtem Artikel missfällt mir jedoch eine Sache am meisten. Und das ist die Tatsache, dass selbstbetreuende Eltern (oder eher Mütter, denn von Vätern ist im Artikel eigentlich gar keine Rede) unterstellt wird, sie selbst würden sich als das Maß aller Dinge sehen. Und würden alle anderen, die ihre Kinder in die „Fremdbetreuung“ geben, als schlechte Eltern abstempeln. Da frage ich mich dann ernsthaft: „Geht’s eigentlich noch?“

Denn da wird zunächst einmal von einer Mutter berichtet, die ihre Kinder nicht zur Kita schickt. So weit, so gut. Im gleichen Atemzug wird die Kitafrei-Bewegung als „wachsende Bewegung“ genannt, deren Anhänger ihren Nachwuchs nicht zur Kita schickten, weil „sie ihre Kinder nicht vernachlässigen wollen“. Folglich vernachlässigen alle anderen, die ihr Kind in den Kindergarten schicken, ihre Sprösslinge?

Eine Überschrift besagt, dass man sich „von Fremden abgrenzen“ wolle. Zudem wird betont, man nenne sich „Selbstbetreuerin“, da dieser Begriff „nach Selbstermächtigung, nach Selbstständigkeit, nach Freiheit“ klingen würde. Klingt für mich jetzt alles schon irgendwie recht polemisch und wenig sympathisch, oder? Ein Schelm, wer jetzt Absicht dahinter vermutet… Ich selbst bezeichne mich übrigens sehr gerne als Selbstbetreuerin. Darüber habe ich ja auch bereits einmal ausführlich berichtet.

Was mir dann aber völlig neu war, ist folgende Tatsache: „Die Selbstbetreuerinnen treten selbstbewusst auf, sie sehen sich als eine Art Elite-Eltern.“ Ich meine – ernsthaft jetzt? Wie kommt man eigentlich zu solch einer diffamierenden Aussage? Ich schicke meine Kinder nicht zum Kindergarten und sehe mich deshalb als Elite-Mama? Ich bin eine bessere Mutter als meine Freundin, die ihre Kinder vormittags in den Kindergarten schickt. Und ich bin eine bessere Mama als meine Verwandte, die ihr Kind bereits im Alter von zehn Monaten zur Tagesmutter gab?

Wow – es war mir jetzt neu, dass wir kitafreien Mütter das so sehen. Und für alle, die mich, meinen Blog und meine Sichtweise vielleicht noch nicht so gut kennen: Ich lege an dieser Stelle extremen Wert darauf, mich möglichst weit von solch einer hetzerischen Aussage zu distanzieren.

Die totale Unterwerfung

Erfreulicherweise hat mir der Artikel dann auch noch einige weitere Dinge offenbart, von denen ich bislang nichts gewusst hatte. Denn natürlich hat man als Hausfrau und Selbstbetreuerin auch kein eigenes Leben mehr. Man opfert sich für die eigenen Kinder und beutet sich bis zur Erschöpfung aus.

Wobei ich an dieser Stelle dann fairerweise doch zugeben muss: Wenn ich so darüber nachdenke, geht das allerdings fast allen Mamas aus meinem Bekanntenkreis hin und wieder so. Die meisten richten zunächst einmal so ziemlich ihr gesamtes Leben auf den Nachwuchs aus und gehen regelmäßig bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Dabei ist es allerdings egal, ob es sich um eine Selbstbetreuerin, Working Mom oder Hausfrau handelt, deren Kinder den Kindergarten besuchen. Die Väter dürfen hierbei übrigens eigentlich nicht komplett außen vor gelassen werden. Denn die meisten leisten ebenfalls einen nicht unerheblichen Beitrag und bringen sich zu einem großen Teil mit ein. Was dann zur Folge hat, dass auch sie hin und wieder gehörig auf dem Zahnfleisch gehen.

Der Trend zur bedürfnisorientierten Erziehung wird als Grundlage des kitafreien Gedankengutes genannt und natürlich darf auch Jesper Juul nicht außen vorbleiben. Denn „(…) demnach bringt die Erziehung von Kindern am meisten Erfolg, wenn die Eltern früh eine starke Bindung zu den Kindern aufbauen, indem sich komplett nach deren Bedürfnissen richten.“ Ich glaube, wer die Bücher der führenden Autorinnen bindungsorientierter Elternschaft sowie die Werke des Herrn Juul einmal ernsthaft gelesen (und auch verstanden) hat weiß, dass es bei diesem „Erziehungskonzept“ gerade nicht darum geht, einfach das gesamte Leben komplett auf die (vermeintlichen) Bedürfnisse des heranwachsenden und teilweise lautstark nach Autorität strebenden Nachwuchses auszurichten.

Und die Moral von der Geschicht?

Wer nach dem Lesen des besagten Artikels weiterhin davon überzeugt sein will, dass kitafreie Mamas sich selbst als „die Elite“ unter den Müttern ansehen und auch ansonsten leicht verblendet durchs Leben gehen, darf dies natürlich gerne tun.

Wer dies nicht so sieht, gerne weiterhin Neuigkeiten von einer recht langweiligen Familie erfahren und sich sein eigenes Bild von der „kitafreien Anti-Bewegung“ 😉 machen möchte, darf sich gerne unten mit seiner Mailadresse eintragen und meinem Blog folgen. Ich freue mich schließlich immer über neue Follower!

Und falls Sie, Frau Rennefanz, einen weiteren Artikel über die „Anti-Kita-Bewegung“ planen und gerne ihre Perspektive erweitern möchten: Kontaktieren sie mich gerne unter aktivmitkindern@yahoo.com. Ich stehe ihnen jederzeit gerne für ein Gespräch zur Verfügung. Allerdings fürchte ich fast, dass dieser Artikel dann nicht genügend Sprengkraft aufweisen dürfte. Was ungünstig wäre, denn schließlich müssen wir ja alle zusehen, dass wir am Monatsende ausreichend hohe Aufrufszahlen generiert haben.

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